Vierundsechzig Geschichten. So viele habe ich für meinen ersten Geschichtenwettbewerb erhalten. Zumindest, wenn ich richtig gezählt habe und das habe ich immerhin mindestens dreimal. Wie lautet also mein Resümee, nun, nachdem ich zumindest die 48 Geschichten, die so mehr oder minder im Rahmen der Regeln waren, abgetippt habe. Nunja, eigentlich wäre es mir lieber selbiges erst dann aufzuschreiben, wenn ich das Ergebnis der Jury aus Lima erfahren und die Preise an die Schüler verliehen habe. Und wann das ist, kann ich leider noch nicht sagen, da das in den Händen der angesprochenen Schüler vom Colegio Waldorf liegt. Trotzdem kann ich zumindest ein paar Dinge sagen. Etwa, um mit dem Negativen zu beginnen, dass der Skeptizismus, der mir von zwei Biologen, die zweieinhalb Wochen (just während des Wettbewerbs) durchaus berechtigt war. „Wenn du positive Geschichten vom Regenwald verlangst, wirst du eben Geschichten bekommen, in denen der Vater im Wald jagen geht und haufenweise schießt. Das ist für die Kinder positiv.“. Ja, so kam es durchaus. Deswegen habe ich unter anderem zwei Wörter gelernt „escopeta“, das Gewehr und „motocierra“ die Kettensäge. Das mit dem positiven hatte auch den Hintergrund, dass ich Geschichten über den Chuyachaqui, einen Waldgeist und den Tunchi, ein Totengespenst, verhindern wollte, denn die gehören zu den häufigsten Geschichten, die man hier hört und lassen den Regenwald eher bedrohlich erscheinen. Zumindest den Chuyachaqui konnte ich nicht verhindern, ganz im Gegenteil war er das häufigste Motiv in den Geschichten vermutlich fast ein drittel handelt von ihm. Dann gab es auch noch die hier bekannten Märchen, die manche Kinder einfach aus dem Gedächtnis geschrieben hatten (Regel Nummer 3: nur eigene Geschichten ;)): der Hirsch und die Schildkröte (eine Adaptation vom Hasen und dem Igel/der Schildkröte) sowie Ayaymama, was Hänsel und Gretel sehr stark ähnelt. Eine Version davon stach aber für mich trotzdem durch Kreativität, Ideenreichtum und Talent unglaublich heraus, sodass ich fast wetten würde, dass die unter den besten 5 sein wird. Manchmal ist es eben doch mehr als ein altes Märchen abzuschreiben. Also hoffe ich jedenfalls, denn nachprüfen, ob es nicht vielleicht doch irgendwo abgeschrieben ist, kann ich leider nicht. Eine andere Geschichte, die auch nicht so ganz positiv dem Regenwald gegenüber war, aber mindestens ebenso unterhaltsam handelte von einer Hexe, die aus lauter Eifersucht ihren Mann mit ihrem fliegenden Kopf verfolgt hat. Köstlich schräg. Wundersame Geschichten in den Regenwald, Reiseberichte, Affenstreiche und eine Boa, die eigentlich nur Freunde finden will. Alles in allem bin ich sehr, sehr zufrieden und reumütig, dass es nicht mehr Preisträger gibt. Aber irgendwo muss ich auch finanziell stopp sagen, schließlich will ich es ja fortführen und behutsam wachsen lassen. Nein, wie gesagt, es war eine große Freude, auch wenn nur von einer Comunidad der Indigenas Geschichten kamen (und leider nur etwa eine gute), da die anderen verstimmt waren (fast ganz kurz gefasst: Auf Moros Vorschlag hatte ich für die Indigenas eines ihrer Feste gefilmt, was sie über einen Monat im Voraus wussten, besprochen und nichts gesagt haben, auch nicht am Tag der Veranstaltung, das Geld, das Moro und ich als Preise für einen kleinen Wettbewerb mitgenommen hatten, haben sie genommen, aber dann von einem Bürgermeisterkandidaten gehört, dass sie ja eigentlich was für das Filmen hätten verlangen können und wir uns ja wohl nur an ihnen bereichern hätten wollen und zack… sind Panguana und ich die Bösen… obwohl Panguana seit Jahrzehnten die Indigenas fördert und auch finanziell unterstützt und ich nur wegen Moros Versprechen gefilmt und dann mehrere Tage geschnitten hatte, damit alle auf USB Stick das Video bekommen…). Dafür kam sehr viel von der Gesamtschule in Yuyapichis, was mich wirklich gefreut hatte. Etwa 50 Geschichten bei einer Gesamtzahl von 300 Schülern zeigt, dass die Beteiligung richtig gut war. Außer Kettensäge und Gewehr habe ich auch anderes gelernt. Etwa, dass die Schüler wohl kaum schreiben und die Lehrer entweder auf Rechtschreibung keinen Wert legen oder sie selbst nicht kennen. Die häufigsten Wörter überhaupt, wie „haber“ (geben im Sinne von „es gibt“), „hasta“ (bis), „ver“ (sehen) und die Deklinationen von „ir“ (gehen) wurden fast immer falsch geschrieben… also das stumme „H“ am Anfang vergessen und/oder statt dem V ein B geschrieben (oder umgekehrt), da v&b im Spanischen dieselbe Betonung haben (können) weswegen zu dem v hier auch „kleines b“ gesagt wird. Genauso auch die Endung des Präteritums „-ba“, die immer dieselbe ist und von vielen Schülern mal so, mal mit -va geschrieben wurde, teils im selben Satz. Es mag sehr deutsch klingen, sich über sowas zu beschweren. Das Problem ist aber so flächendeckend, dass für mich die Lehrer Schuld daran haben müssen (die Eltern theoretisch auch, aber die Lehrer müssen es wissen und die Eltern haben teils noch weniger Bildung als ihre Kinder) und das beispielhaft für die Bildung hier auf dem Land ist. Ein paar wenige (2 pro Jahrgangsstufe und Bezirk) können tatsächlich (staatlich) studieren gehen, eine Handvoll mehr wird es privat probieren… und man stelle sich einen Jurastudenten vor, der „gehen“ nicht schreiben kann. Bei den Medizinern mit der Sauklaue ( ;) ) fällt es ja eh nicht auf.

 

Das andere, dass gerade die Kinder, die positiv über den Regenwald geschrieben haben, keine Ahnung von selbigen haben. Also hier leben, aber dann von Elefanten und Tigern schreiben, statt von Tapiren und Pumas. Wobei: Tiger sagt man hier zu allem, was katzenartig ist, was auch wieder zu einem Problem führt: nämlich die meisten kennen den Unterschied einfach nicht.

 

Eigentlich hatte ich ja versprochen positiv zu enden und irgendwie lasse ich es gerade nicht so klingen. Die Sache ist allerdings so, dass die Situation eben genauso aussieht und dass mir vorher nicht bewusst war, wie fremd der Regenwald den Kindern ist, die quasi im Regenwald leben. Deswegen reicht es nicht, mit einem schönen Film an der Küste und in der Sierra zu zeigen, wie toll der Regenwald ist. Wie unfassbar und berührend er ist, sondern anfassbar und berührbar zu machen. Gerade für die Kinder von hier. Deswegen haben sich die Prioritäten in meinem Plan verändert. Der Wunsch, einen Workshop für die Kinder von hier zu machen, sollte das Geld dafür reichen, ist der Sicherheit gewichen, dass das die Vorraussetzung für den Film ist. Mindestens 2 Wochen Camp in Panguana für die Gewinner dieses und des nächsten Geschichtenwettbewerbs.

 

Die erste Woche Theorie: Mit Moro, der über die Geschichte von Panguana und dem Bezirk redet, was Primärwald und was Sekundärwald ist, woran man es unterscheidet und der ohne Zeigefinger beschreibt, wie man den Primärwald schützen und trotzdem leben kann. Mit Biologen von der Universität San Marco in Lima, die Tiere und Pflanzen zeigen, benennen und interessante Geschichten dazu erzählen, warum das Ökosystem so wichtig ist und was es wie gefährdet. Mit Filmleuten, die verschiedene Einstellungen, die Bedienung von Kamera, Tonaufnahme, Zubehör etc. zeigen, erklären worauf es ankommt und helfen Storyboards für den Film zu erstellen. Mit Autoren, mit denen die Geschichten überarbeitet werden und eventuell neue geschrieben werden (oder eben ich… und ich bemühe mich bis dahin mein Spanisch weiter zu verbessern). Und mit Bändi, falls Bändi das lesen sollten (gut, kostenmäßig wird es eher entweder oder als und), die als pädagogische Unterstützung koordinieren. Die zweite Woche mit praktischem Teil, rausgehen und Filmen, heimkommen und schneiden. Für darüber hinaus mangelt es nicht an Ideen, derzeit muss eher ein Kostenplan aufgestellt werden, sowie das Programm dann gemeinsam geplant werden, der Zeitraum angeplant und dann eben vor allem das Geld akquiriert werden. Jedenfalls ist das Ziel jetzt definitiv zweisäulig: Einerseits Regenwaldbotschafter ausbilden, die nicht nur über ihren Alltag reden können, sondern auch den Regenwald die Probleme und Konflikte hier vorstellen können. Andererseits ein Film, der Regenwald und Leute den Menschen an der Küste näherbringt und Sympathien für diesen einzigartigen Lebensraum schafft (die Vorurteile sind nämlich durchaus vorhanden und stark).

 

Schon wieder seitenweise geschrieben… und ich könnte noch mehr. Es ist hier so wunderschön und gleichzeitig frustrierend. Auch wenn es eigentlich tragisch ist, aber es freut mich, dass ich doch noch mein Projekt gefunden habe. Also etwas, in dem ich auch einen Sinn und Wert sehe. Das war mir während meiner Reise hierher nicht so sicher, denn das Land hat wirklich sehr viele Probleme und da hat sich für mich die Frage gestellt: Braucht es dann auch wirklich einen Film oder gibt es nichts Wichtigeres? Panguana ist wunderschön, Peru ist wunderschön. Aber so viel liegt im Argen, so viele Probleme bestehen, so mies sieht die Zukunft aus. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder heulen soll. Beides ist gerechtfertigt. Achja, Schlussnotiz: der Peruanische Präsident wird in zwei Tagen wohl abgesetzt wegen, von dem was ich bislang gehört habe, einer Lappalie (speziell für südamerikanische Verhältnisse). Moro hatte mir das gestern erzählt und rhetorisch gefragt, wer in sein Land investieren soll, wenn es so instabil ist. Und, dass er Angst hat. Denn die staatliche Ordnung ist das Einzige, was Panguana beschützt, weswegen die Leute nicht einfach kommen und alles kurz – und kleinhacken bzw. abschießen. Er hat den Bürgerkrieg miterlebt und ich kann seine Angst verstehen.

 

 

So und zum Schluss ein paar Fotos, damit die 180° Kehrtwendung zu etwas Positivem!

 

 

Hydromedusa…

…heißt die Gattung und dieser Laubfrosch ist nicht nur groß, sondern derzeit recht häufig und vor allem Wetterfest. Also auch wenn es nicht regnet, findet man ihn immer. Ach, und er macht die Augen sehr schnell zu, wenn man ihn anleuchtet.

Hübscher

Ich müsste nachschauen, wie der jetzt heißt, aber einer meiner Lieblingsfrösche.

Froschtarnung

Ein großer Frosch und trotzdem kaum zu sehen, verschmilzt er doch perfekt mit vergammelnden Palmblättern

Hydromedusa

Nochmal gleiche Spezies, wie am Anfang, aber hier, nehme ich stark an ein Männchen.

Tagfalter bei Nacht

denn nachts halten sie still.

Spinne

Neben Kakerlaken sind Spinnen wohl das, was man am sichersten nachts im Wald sieht. Dafür aber auch fotogener als erstere.

Kaiman

Nur 1,5m vor meinen Füßen!! Riesiges Glück! Sonst ist er immer sehr viel scheuer!

Dreizehenfaultier

Nochmal riesen Glück. Doppelt. Erstens weil Moro es gefunden hat und zweitens, weil ich nur eine viertel Stunde warten musste, bis es den Kopf angehoben hat, damit ich das Gesicht und nicht nur Arme und Beine fotografieren konnte.

Zingiberacea

Oder wie auch immer man Ingwergewächse auf Schlau schreibt. Mehr kann ich auch nicht erraten.

Regenwald

Das Licht war gut und mir fehlten Fotos bei Tag. Ich mag Wald. Und Bäume.

Stationsblumen

Angepflanzt und hier auf dem Gelände blühend, habe ich erst gestern mal ein paar Fotos gemacht

Stationsblumen 2

Beauty-Dish funktioniert auch bei Pflanzen ganz gut.